Manche Geschichten bleiben in der Familie. 1955 verfilmte Elia Kazan John Steinbecks Roman „Jenseits von Eden“ und machte James Dean damit zum Star. Siebzig Jahre später hat seine Enkelin Zoe Kazan denselben Stoff neu geschrieben, diesmal als siebenteilige Serie für Netflix, die seit heute, dem 1. Oktober, zu sehen ist. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der rebellische Sohn, sondern eine der umstrittensten Frauenfiguren der amerikanischen Literatur: Cathy Ames, gespielt von Florence Pugh.
Ein Roman, der zu groß für einen Kinofilm war
Steinbecks Roman aus dem Jahr 1952 ist ein Familienepos über mehrere Generationen im kalifornischen Salinas Valley, angelehnt an die biblische Geschichte von Kain und Abel. Der Film von 1955 konzentrierte sich vor allem auf den letzten Teil des Buches und die Rivalität zweier Brüder um die Liebe ihres Vaters. Viel von dem, was davor geschieht, blieb außen vor, darunter die Vorgeschichte der Mutter, die ihre Familie verlässt.
Eine Serie kann sich diese Breite leisten. Netflix erzählt die Geschichte der Familien Trask und Hamilton über sieben Folgen. Zoe Kazan ist Autorin und ausführende Produzentin, als Co-Showrunner wird Jeb Stuart genannt. Regie führten Garth Davis bei den ersten vier und Laure de Clermont-Tonnerre bei den letzten drei Episoden. Neben Pugh spielen Christopher Abbott und Mike Faist die Brüder Adam und Charles Trask, Ciárán Hinds übernimmt die Rolle des Samuel Hamilton, dazu kommen unter anderem Hoon Lee, Tracy Letts und Martha Plimpton. Gedreht wurde von Oktober 2024 bis März 2025 in Neuseeland.
Warum Cathy Ames die eigentliche Hauptfigur ist
Cathy Ames gilt seit Jahrzehnten als eine der dunkelsten Figuren der amerikanischen Literatur: manipulativ, kalt, gewalttätig. Steinbeck beschreibt sie als Mensch ohne Gewissen. Genau das macht die Rolle für eine Schauspielerin so reizvoll und so riskant. Wer sie spielt, muss eine Figur tragen, die das Publikum kaum verstehen soll.
Die ersten Kritiken legen nahe, dass die Serie diesen Widerspruch nicht auflöst, sondern bewusst offenhält. Vicky Jessop schreibt im „NME“, Kazan zeichne Cathy nicht als „gefallene Frau“, sondern als Figur, die für Zuschauer und für die Männer um sie herum unergründlich bleibe. Der „Hollywood Reporter“ überschreibt seine Besprechung damit, dass eine „furchteinflößende“ Florence Pugh über der Adaption thront. Nicht alle sind so begeistert: „Screen Rant“ lobt Pugh, nennt die Adaption insgesamt aber steif. Der Tenor ist dennoch klar: Die Serie lebt von ihrer Hauptdarstellerin.
Gegenüber Netflix sagte Zoe Kazan, sie habe sich zum Leitsatz gemacht, dass die Geschichte zugleich episch und intim sein müsse, so persönlich für sie wie für Steinbeck. Über Pugh sagte sie, deren Gespür für die Kamera sei unerreicht, sie halte sie für ein Genie. Das ist Werbung in eigener Sache, aber es zeigt auch, wie sehr das Projekt um diese eine Besetzung gebaut ist. Pugh war bereits 2022 mit an Bord, als die Serie angekündigt wurde.
Eine Familie und ein schwieriges Erbe
Dass ausgerechnet eine Kazan diese Geschichte neu erzählt, gibt dem Projekt eine zusätzliche Ebene. Elia Kazan zählt zu den einflussreichsten Regisseuren Hollywoods, sein Werk ist bis heute auch wegen seiner Aussage vor dem Kongressausschuss für unamerikanische Umtriebe Anfang der 1950er-Jahre umstritten, bei der er Namen früherer Weggefährten nannte. „Jenseits von Eden“ handelt im Kern von Schuld, Vererbung und der Frage, ob Menschen ihrem Erbe entkommen können. Ob Zoe Kazan diese Parallele bewusst sucht, lässt sich aus den bisherigen Äußerungen nicht ablesen. Für das Publikum liegt sie trotzdem nahe.
Interessant ist auch die Perspektivverschiebung. Der Film von 1955 war die Geschichte eines missverstandenen jungen Mannes, ein Stoff, der perfekt zu James Dean und zum Lebensgefühl seiner Generation passte. Die Serie von 2026 rückt eine Frau in den Mittelpunkt, deren Freiheit und Grausamkeit gleichermaßen verstören. Das sagt viel darüber, welche Fragen heute an Klassiker gestellt werden: Weniger, wer der Held ist, sondern wer bisher nur als Projektionsfläche diente.
Was die Serie für Florence Pugh bedeutet
Florence Pugh hat sich in den vergangenen Jahren als Schauspielerin etabliert, die zwischen großen Studioproduktionen und anspruchsvollen Rollen wechselt. Mit Cathy Ames übernimmt sie nun eine Figur, die schon im Roman als Herausforderung gilt und die Zuschauer eher abstößt als für sich gewinnt. Für eine Schauspielerin in ihrer Position ist das eine bewusste Entscheidung gegen das Gefällige.
Für Dich als Zuschauerin oder Zuschauer heißt das vor allem: Diese Serie ist kein gemütliches Kostümdrama. Kritiken weisen auf harte Szenen hin, unter anderem häusliche Gewalt. Wer sich darauf einlässt, bekommt aber womöglich die Gelegenheit, einen Klassiker zu sehen, der zum ersten Mal in voller Breite erzählt wird. Ob die Serie neben dem Film von 1955 bestehen kann, wird sich erst zeigen, wenn mehr Menschen sie gesehen haben. Dass sie eine eigene Antwort auf denselben Stoff gibt und keine bloße Wiederholung, scheint nach den ersten Reaktionen sicher.
Quellen
- When Is ‘East of Eden’ Coming Out? New Florence Pugh Series Release Date and Photos – Netflix Tudum
- East of Eden (American TV series) – Wikipedia
- East Of Eden review: brutal American epic with Florence Pugh – NME
- ‘East of Eden’ Review: A Terrifying Florence Pugh Towers Over Zoe Kazan’s Accomplished Netflix Adaptation – The Hollywood Reporter
- East Of Eden Review: Florence Pugh Soars In Netflix’s Stiff Adaptation – Screen Rant
- Florence Pugh und Zoe Kazan: Ankündigung der Serie „East of Eden“ (2022) – Variety





