Frau mit goldgerahmter Pilotensonnenbrille im hellen Sonnenlicht – Symbolbild für UV-Schutz und Hautgesundheit

Klimawandel und Haut: Was eine weltweite Dermatologie-Erhebung über Hitze, Ausschlag und UV verrät

Editorial Team

Wenn über die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels gesprochen wird, geht es meist um Herz, Kreislauf und Lunge. Die Haut taucht selten auf, obwohl sie das Organ ist, das Hitze, Sonne und Luftverschmutzung als Erstes abbekommt. Eine neue internationale Erhebung, die am 30. September auf dem Kongress der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) in Wien vorgestellt wurde, rückt das zurecht: In 42,6 Prozent der teilnehmenden Länder berichten Fachleute bereits von klimabedingten Veränderungen bei Hauterkrankungen. Was bedeutet das, und warum schneidet ausgerechnet Europa in der Studie so auffällig gut ab?

Was die SkinObservatory-Erhebung untersucht hat

Hinter den Zahlen steht das sogenannte SkinObservatory, eine Initiative der International League of Dermatological Societies (ILDS), dem Dachverband dermatologischer Fachgesellschaften, gemeinsam mit L’Oréal Dermatological Beauty. Diese Beteiligung eines Kosmetikkonzerns gehört zur Einordnung dazu, ebenso wie die Methode: Befragt wurden Vertreterinnen und Vertreter aus 136 der 194 WHO-Mitgliedstaaten. Es handelt sich also um eine Einschätzung von Fachleuten auf Länderebene, nicht um eine Messung von Krankheitsfällen.

Die Ergebnisse sind trotzdem deutlich. Von den 58 Ländern, die klimabedingte Veränderungen meldeten, nannten 81 Prozent eine Zunahme von Hitzeausschlägen, knapp 76 Prozent mehr entzündliche Hauterkrankungen, gut 62 Prozent Veränderungen bei Hautinfektionen und die Hälfte Verschiebungen bei Krankheiten, die über Insekten und andere Vektoren übertragen werden. Das Fachportal HCPLive beschreibt die Untersuchung als eine der bislang größten globalen Bestandsaufnahmen zu diesem Thema.

Arme Länder trifft es zuerst

Der vielleicht wichtigste Befund betrifft die Verteilung. In Ländern mit niedrigem Einkommen meldeten 55,6 Prozent klimabedingte Veränderungen, in Ländern mit hohem Einkommen nur 28,3 Prozent. Am stärksten fiel die Westpazifik-Region aus, mit 64,7 Prozent. Studienleiterin Esther Freeman fasste zusammen, der Klimawandel sei bereits mit negativen Auswirkungen auf Hauterkrankungen verbunden und belaste ärmere Regionen unverhältnismäßig. Sie wies darauf hin, dass es in Afrika weniger als drei Hautärzte pro Million Menschen gibt.

Genau da liegt allerdings auch eine Schwäche der Daten. In der afrikanischen Region gaben fast 43 Prozent der Befragten an, die Lage nicht einschätzen zu können. Wo es kaum Dermatologinnen und Dermatologen gibt, fehlt schlicht die Beobachtung. Die tatsächliche Belastung dürfte dort also eher unterschätzt als überschätzt sein. Das ist eine naheliegende Interpretation, aber eben eine Interpretation: Belegen lässt sie sich mit dieser Erhebung nicht.

Europa: niedrige Werte, steigende UV-Strahlung

Für Leserinnen und Leser in Deutschland ist eine Zahl besonders interessant. In der europäischen Region meldeten nur 16,1 Prozent der Länder klimabedingte Veränderungen bei Hautkrankheiten. Heißt das, Europa ist fein raus? Andere Daten sprechen dagegen.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) wies im April darauf hin, dass die UV-Strahlung in Mitteleuropa messbar zugenommen hat. An der Messstation in Dortmund stieg sie zwischen 1997 und 2022 um mehr als zehn Prozent, im Raum Brüssel um fast 20 Prozent. Als Hauptgrund nennt das DKFZ eine veränderte Bewölkung mit mehr Sonnenstunden, an der der Klimawandel beteiligt ist, dazu eine zeitweise dünnere Ozonschicht über der Arktis. Eine europäische Auswertung unter Federführung des Bundesamts für Strahlenschutz kam im Sommer zu einem ähnlichen Bild: An 26 von 40 Messstationen in 19 Ländern stieg die UV-Belastung im Zeitraum 2013 bis 2022 statistisch signifikant. BfS-Präsidentin Inge Paulini nannte die Anpassung daran laut epd eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Das ist relevant, weil UV-Strahlung der wichtigste vermeidbare Risikofaktor für Hautkrebs ist. Nach Angaben des DKFZ erkrankten 2023 in Deutschland rund 27.500 Menschen an einem Melanom, mehr als 3.100 starben daran. Der Unterschied zur SkinObservatory-Erhebung lässt sich so erklären: Hautkrebs entwickelt sich über Jahre und Jahrzehnte, ein Hitzeausschlag nach einem Tag. Kurzfristige Veränderungen fallen in Praxen schneller auf als langfristige Trends.

Was das für Deinen Alltag bedeutet

Aus beiden Datenquellen lassen sich keine individuellen Diagnosen ableiten, wohl aber ein paar nüchterne Schlüsse. Sonnenschutz ist längst kein reines Sommerthema mehr. Das DKFZ empfiehlt, schon im Frühjahr darauf zu achten und ab einem UV-Index von 3 Schutz einzuplanen, also Kleidung, Kopfbedeckung, Sonnenbrille und Sonnenschutzmittel, und die Mittagssonne zu meiden. Den aktuellen UV-Index veröffentlicht etwa das Bundesamt für Strahlenschutz.

Auch die Beauty-Welt wird sich darauf einstellen. Dass ein Kosmetikkonzern eine solche Erhebung mitträgt, ist kein Zufall: Hitze, Schweiß und UV verändern, was Menschen von Pflegeprodukten erwarten. Für Dich als Konsumentin oder Konsument ist das ein guter Grund, Werbeversprechen rund um „Klimaschutz für die Haut“ genau zu prüfen und bei anhaltenden Beschwerden lieber eine Hautärztin oder einen Hautarzt zu fragen als das nächste Produkt zu kaufen.

Die Haut als Frühwarnsystem

Die Wiener Zahlen sind ein Anfang, kein Endergebnis. Sie zeigen, wo Fachleute heute schon Veränderungen wahrnehmen, und sie zeigen ebenso deutlich, wo niemand hinschaut. Gleichzeitig belegen die europäischen UV-Messungen, dass auch ein reiches, gut versorgtes Land wie Deutschland nicht außen vor ist, nur zeigt sich die Wirkung hier langsamer. Wenn die Haut die erste Kontaktfläche zwischen Körper und Klima ist, dann lohnt es sich, sie auch als Messinstrument ernster zu nehmen: für die eigene Gesundheit und für die Frage, wie gut eine Gesellschaft auf heißere Sommer vorbereitet ist.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Hautveränderungen oder anhaltenden Beschwerden wende Dich bitte an eine Hautärztin oder einen Hautarzt.

Quellen