Mehr Gäste, aber weniger Gedränge am Wochenende, mehr alkoholfreies Bier und eine Videoüberwachung mit künstlicher Intelligenz: Die Halbzeitbilanz des Oktoberfests 2026 liest sich anders als die Klischees über das größte Volksfest der Welt. Rund 3,8 Millionen Menschen kamen laut Stadt München in der ersten Woche auf die Theresienwiese, 300.000 mehr als im Vorjahr. Der eigentliche Wandel steckt aber in den Details: Die Wiesn wird zunehmend gesteuert, gemessen und entzerrt.
Die Wiesn wandert unter die Woche
Das Oktoberfest läuft in diesem Jahr vom 19. September bis zum 4. Oktober. Auffällig an der Halbzeitbilanz ist, wann die Besucher kamen. Von Montag bis Donnerstag zählte die Stadt 18,5 Prozent mehr Gäste als 2025, während die Wochenenden laut ZDF leicht unter dem Vorjahr lagen. Das ist kein Zufall. Die Festleitung hatte gezielt dafür geworben, die Wiesn unter der Woche zu besuchen, um die gefährlichen Spitzen an Samstagen und Sonntagen abzuflachen.
Ganz verhindern ließ sich das Gedränge trotzdem nicht. An einem Samstag wurden Eingänge zeitweise geschlossen, um die Besucherströme umzuleiten. Außerdem setzte die Stadt auf KI-gestützte Videokameras und speziell geschulte „Crowdspotter“, die Menschenmengen beobachten und frühzeitig vor Engpässen warnen. Wiesn-Chef Christian Scharpf (SPD) sprach im ZDF von einem „Quantensprung“ und bilanzierte eine friedliche erste Woche.
Überschattet wurde die erste Woche von einem tödlichen Arbeitsunfall: An einem Fahrgeschäft kam ein Mitarbeiter ums Leben. Die Ermittlungen zum Hergang laufen noch.
Wer heute auf die Wiesn geht
Wie international das Fest inzwischen ist, zeigt eine Auswertung von Mobilfunkdaten, die Telefónica Deutschland gemeinsam mit einem Analyseunternehmen für das erste Wochenende vorgelegt hat. Nach Angaben der dpa kamen am Samstag rund ein Drittel der Gäste aus dem Ausland, im Vorjahr waren es 29 Prozent. Die größten Gruppen stellten Menschen aus den USA, Italien und Frankreich; Frankreich verdrängte Großbritannien von Platz drei. Insgesamt zählte diese Auswertung am ersten Wochenende zwar etwas weniger Besucher als 2025, sie blieben aber im Schnitt rund eine Viertelstunde länger.
Das Bild, das sich daraus ergibt: Die Wiesn ist längst nicht mehr nur ein Münchner Fest mit Touristen am Rand, sondern ein internationales Reiseziel, für das Menschen gezielt anreisen. Wer extra aus Chicago oder Mailand kommt, plant den Besuch eher ein, bleibt länger und ist damit auch empfänglicher für Hinweise, lieber an einem Dienstag zu kommen. Das ist eine Interpretation der Zahlen, aber sie erklärt, warum die Besucherlenkung überhaupt funktionieren kann.
Weniger Bier, mehr Alkoholfreies
Beim Ausschank zeigt sich eine leise, aber interessante Verschiebung. Laut städtischer Bilanz wurde in der ersten Woche 1,4 Prozent weniger Bier verkauft als im Vorjahr, obwohl mehr Menschen kamen. Alkoholfreies Bier legte um 4,5 Prozent zu, Weißbier wegen des warmen Wetters sogar um 15 Prozent. Als neuer Trend gilt der saure Radler, also Bier mit Mineralwasser. Auch die kostenlosen Trinkwasserbrunnen wurden deutlich häufiger genutzt als 2025.
Ganz billig ist der Rausch ohnehin nicht. Die Maß kostet 2026 je nach Zelt zwischen 14,80 und 15,90 Euro, das sind zwei bis drei Prozent mehr als im Vorjahr. Für Dich als Besucherin oder Besucher heißt das: Allein drei Maß kosten im teuersten Zelt fast 48 Euro, bevor überhaupt etwas gegessen ist. Mehr als die Hälfte der Wirte akzeptiert inzwischen Kartenzahlung.
Ob die Zahlen einen dauerhaften Wandel anzeigen, lässt sich nach einer Woche nicht sagen. Ein Prozent weniger Bier kann am Wetter, an den Preisen oder an der Verteilung der Gäste über die Woche liegen. Aber die Richtung passt zu einem Fest, das seine Besucher zunehmend lenkt, statt sie einfach kommen zu lassen.
Weniger verloren, mehr geschützt
Eine kleine, aber aufschlussreiche Statistik kommt vom Fundbüro. Dort landeten in der ersten Woche rund 800 Gegenstände, deutlich weniger als die 1.750 im Vorjahr. Auch beim Thema Maßkrug-Diebstahl meldet die Stadt einen Rückgang: Rund 105.000 Versuche, einen Krug mitzunehmen, wurden registriert, nach 112.000 im Vorjahr. Dazu kommen ökologische Kennzahlen, die früher kaum jemand veröffentlicht hätte: Die Stadt weist etwa aus, dass der Strom auf der Wiesn vollständig aus erneuerbaren Quellen stammt und der Verbrauch leicht gesunken ist.
Ein Volksfest als Großveranstaltung mit Leitstelle
Am Sonntag endet die Wiesn, die Schlussbilanz steht noch aus. Doch schon die Halbzeit zeigt, wohin sich das Oktoberfest entwickelt. Aus dem Fest, das man einfach besucht, wird eine Großveranstaltung, die mit Daten, Kameras und Kampagnen gesteuert wird. Das mag manche Romantik kosten. Es ist aber auch die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass Millionen Menschen auf engem Raum ein Sicherheitsrisiko darstellen, und daraus, dass Gäste aus aller Welt anders planen als die Münchner, die spontan nach der Arbeit vorbeischauen.
Für die Zukunft spricht viel dafür, dass Wochentage, Zeitfenster und vielleicht irgendwann auch Reservierungsmodelle für den Zugang wichtiger werden. Ob die Wiesn dabei ihren Charakter behält, entscheidet sich weniger in den Bilanzen als in den Zelten: an der Frage, ob sie sich trotz aller Steuerung noch wie ein Fest anfühlt.
Quellen
- Oktoberfest-Halbzeitbilanz 2026: 3,8 Millionen Gäste auf der Wiesn – muenchen.de
- Oktoberfest-Zwischenbilanz: Wiesn meldet „friedliche erste Woche“ – ZDFheute
- Bilanz nach erstem Wiesn-Wochenende: Weniger Gäste, längere Verweildauer – nordbayern.de (dpa)
- Oktoberfest 2026: Wie teuer ist das Bier dieses Jahr? – web.de





